Genz bewiesen ist die Theorie um die Zusammenhänge von linker und rechter Gehirnhälte beim Pferd meines Wissens noch nicht. Es gibt noch etliche offene Fragen; selbst beim Menschen haben die Gehirnforscher noch lange nicht alles heraus finden können, was für die Psyche bedeutsam ist, wie das Gehirn genau funktioniert. Vereinfacht könnte man sich das Sehen der Pferde, die Reizverarbeitung über die Gehirnhälften und die Wirkungsweise von Dual-Aktivierung in etwa so vorstellen:
Pferde sehen Mono-Okular, das heisst, sie erfassen Dinge in ihrer Umwelt, die ihnen "nicht ganz geheuer" sind, vorzugsweise mit dem linken Auge, selbst wenn sie dafür ihren Kopf verdrehen müssen, während sie ihren Weg mehr mit dem anderen Auge betrachten.
Informationen, die die Pferde über das linke Auge aufnehmen, werden in der rechten Gehirnhälfte gespeichert und dort (hoffentlich) als ungefährlich bewertet. Das was mit dem rechten Auge wahrgenommen wird, wird in der linken Gehirnhälfte gespeichert. Man nimmt an, dass zwischen beiden Gehirnhälften, anders als bei uns Menschen, relativ wenig Datenaustausch stattfindet.
Beispiel: Sieht ein Pferd einen Gegenstand, z.B. einen Müllsack, den es mit dem linken Auge schon einmal gesehen und als ungefährlich bewertet hat, nun ein zweites Mal mit dem linken Auge, greift es auf die rechte Gehirnhälfte als Datenspeicher zurück. Der meldet: "Müllsack: Bekannt und ungefährlich -> cool bleiben!"
Sieht das Pferd den Müllsack dann mit dem rechten Auge, wird der Datenspeicher der linken Hirnhälfte auf Bekanntes untersucht. Hier ist das Bild des Müllsackes noch nicht gespeichert und somit auch noch nicht als ungefählich bewertet worden. Das Pferd wird mit großer Wahrscheinlichkeit scheuen, denn was unbekannt ist, ist potentiell gefährlich.
Werden die Pferde mittels der Dual-Aktivierung nun darin geschult, im Wechsel mal mit der linken und dann wieder mit der rechten Gehirnhälfte Reize zu verarbeiten, lernt das Gehirn, auf die Informationen in der jeweils anderen Gehirnhälfte zuzugreifen, so dass das Pferd Gegenstände von beiden Seiten betrachtet als bekannt einstufen kann, obwohl die Information nur in einer Gehirnhälfte abgelegt wird.
Die verbesserte neuronale Verknüpfung der beiden Gehirnhälften würde erklären, warum Pferde, die mit der Dual-Aktivierung gearbeitet werden, insgesamt gelassener werden. Die Arbeit mit der Fahne ist hier besonders geeignet, weil sie das linke und rechte Auge im Wechsel anspricht.
Michael Geitner entwickelte Trainingsmaterial aus Fähnchen, Hütchen und Stangen in den Farben Blau und Gelb, weil Pferde Dichromaten = Zweifarbenseher sind und laut Studien aus den U.S.A. genau diese Farben am besten wahrnehmen und unterscheiden können.
Auch für Pferde, die nur auf einer Seite sehen können, ist die Dual-Aktivierung geeignet, denn die Methode wirkt nicht nur über die Augen. Durch die Arbeit in den Gassen wird der gesamte Körper im Wechsel rechts und links angesprochen, ähnlich der Kinesiologie beim Menschen, bei der Bewegungen über die eigene Körpermitte ausgeführt werden. Auch so kann eine bessere Vernetzung beider Gehirnhälften entwickelt werden, womit eine verbesserte Koordiation der Bewegungen einher geht. Und ein Organismus, der über eine gute "Auge-Hand-Koordination" verfügt, bewegt sich souveräner, kann sich leichter entspannen und über die verbesserte Durchblutung schneller Muskelmasse aufbauen. Jedem Trainer aus dem Humanbereich ist bekannt, dass die Koordination der Bewegungen im Gehirn statt findet und erst dann effektives Training, also ein Muskelaufbau an den richtigen Stellen möglich ist, wenn die Koordination der Bewegungen sicher gestellt ist. Die entsprechende Muskulatur wiederum ist wichtig für den regelrechten Abbau von Adrenalin in „Stresssituationen“.
Auch Pferde profitieren von der Methode. Durch die angegebenen Figuren im Reitparcours und beim Longieren verstehen sie schnell, was von ihnen verlangt wird.